Inspiriert zu diesem Gedankengang hat mich mein Kollege Dominic. Er, gelernter Koch, heute Customer Experience Manager, erzählte mir kürzlich von seinen alljährlichen Einsätzen für die Schweizer Armee. Da schwingt er für einige Wochen wieder den Kochlöffel. Zusammen mit Armeeangehörigen ohne Grossküchenerfahrung, die bestenfalls Zuhause mal Spaghetti für die Familie kochen.
Seine Beobachtung:
„Die meisten, die sonst für vier Personen würzen, salzen viel zu wenig, wenn sie plötzlich für mehrere hundert hungrige Personen kochen müssen. Wenn ich ihnen sage, sie müssten mit der grossen Kelle anrühren und mit Kilogramm Dimensionen rechnen, zögern sie gewaltig.“
Machen wir doch das Gedankenspiel, wenn Risiko sich wie Salz verhält. Salzen wir mal die Suppe.
Zu viel Salz: ungeniessbar. Ein bisschen zu viel kann irritieren, sie bewegt jedenfalls.
Zu wenig Salz: fad.
Gar kein Salz: Sagen Sie dem überhaupt noch Suppe?
Wie salzen Sie?
Führung ohne oder wenig Salz: Verwalten, erkalten. Mit gut dosiertem Salz: Bewegt, ermutigt, macht Lust auf mehr. Führung mit zu viel Salz: Tja, kann passieren, haben wir etwas gelernt. Besser als zu wenig Salz, nächstes Mal wird die Dosis angepasst.· Führung mit viel zu viel Salz: giftig.
Was sagen Sie, wenn Ihnen ein Gericht serviert wird, das zu wenig gesalzen ist?
Sie werden es bemerken, möglicherweise laut kundtun. Vielleicht werden Sie versuchen, nachzusalzen. Jedenfalls sind Sie nicht ganz zufrieden mit der Leistung der Köchin oder des Kochs. Die haben Ihre Arbeit nicht gut gemacht. Weil Sie erwarten dürfen, dass ihr Gericht «richtig» gewürzt ist. Gut gewürzt ist. Besonders gewürzt ist? Charakter zeigt?
Und was halten Sie von Führungskräften, die keine Entscheidungen fällen, die nicht(s) riskieren? Genau. Die machen Ihren Job nicht gut.
1. Wer führt, ohne zu riskieren, erfüllt seinen Job nicht
Viele Führungskräfte warten mit dem Salzen. Und warten noch ein bisschen. Und hoffen, dass die Frage nach dem Salz verschwindet, hoffen, dass sich Komplexität von selbst löst oder irgendjemand anderes salzt. Doch Zögern ist kein neutraler Zustand, es ist ein schleichender Verlust von Energie. Nicht zu salzen, nicht zu riskieren ist ein Fehlentscheid.
Prozesse stehen. Teams verlieren Schwung. Chancen wandern weiter.
Auf dem Teller merken Sie das sofort. Im Unternehmen schmeckt der Stillstand oft erst später. Nicht salzig –sondern bitter.
Das ist ein bekanntes Phänomen: Menschen überschätzen mögliche Verluste und unterschätzen potenzielle Gewinne. Diese Verzerrung führt zu zögern, auch dort, wo Chancen überwiegen.
Quelle: S. Kahneman & Tversky (1979): Prospect-Theory – ein Klassiker der Verhaltensökonomie
2. Risiko beginnt nicht bei der Gefahr, sondern bei Ihrem Ja
Viele glauben, Risiko entstehe erst, wenn etwas schiefgeht. Dabei beginnt es viel früher: schon in dem Moment, in dem Sie sich entscheiden.
Ein Ja ist ein kleiner, mutiger Akt. «Ja – ich mache das jetzt.» Ja, ich salze jetzt. Ein Ja zu Chancen und Gefahren. Ein Ja, das Risiko einzugehen.
Natürlich könnte man auch noch zig Runden drehen und jedes Salzkorn abzählen, analysieren. Und es gäbe sicher noch mehr Köche im Führungsteam, die um den heissen Brei herumreden. Und noch ein Meeting, und noch eins. Bis die Suppe dann irgendwann auch kalt ist.
Nicht das Risiko ist das Problem. Das Zögern ist es.
3. Unsere Vorstellung würzt dramatischer als die Realität
Bei Kunden stelle ich gerne die Frage:
„Was könnte denn schlimmstenfalls passieren?“
Oft kommen Worst-Case-Szenarien, die selbst die tapfersten Unternehmer nervös machen würden. Doch sobald ich nach der realistischen Wahrscheinlichkeit frage, geht der Wert oft gegen null. Anders sieht es aus, wenn ich nach den Chancen frage. Oft wird dann die Liste länger und länger. Und wenn wir dann in die Diskussion einsteigen, was wir machen können, um die Chancen zu erhöhen und die Gefahren zu minimieren, wird klarer, dass die Suppe grad heisser gekocht wird, als gegessen.
Dramatische Fantasie. Unaufgeregte Realität. Typisch Mensch.
Die Prospect-Theory lässt grüssen: Unser Gehirn ist ein Dramaturg, der Risiken grösser schreibt, als sie sind. Vorsicht ist gut, Verzerrung ist hinderlich.
4. Ohne Risiko entsteht nichts Neues. Ohne Entscheidung entsteht gar nichts
Ein Gericht, das nie abgeschmeckt wird, bleibt unvollendet. So ist es auch mit Entscheidungen. Wer zu lange wartet, verhindert Innovation und schafft Stillstand.
Und wenn jeder weiss, dass man salzen sollte, aber keiner machts?
Liegt’s daran, dass unklar ist, wer denn salzen soll? Kennen Sie das Sprichwort: Zu viele Köche verderben den Brei? So heisst es wohl selten, weil alle gleichzeitig salzen. Sondern eher deswegen, weil unklar ist, wer welche Rolle hat. So werden Entscheidungsschlaufen gedreht und gedreht. Zauberwort «Rollenklärung» – wer entscheidet? Wer schmeckt ab. Die Frage wird zu selten und oft zu spät gestellt.
Angst vor zu viel Salz?
Was ist schlimmer: Eine ungesalzene Suppe oder eine zu stark gesalzene Suppe? Ich bin der klaren Ansicht: eine ungesalzene Suppe. Weil da jemand seinen Job nicht gemacht hat. Bei einer versalzenen Suppe ist das nicht der Fall, hier wurde gesalzen. Es wurde entschieden, wie viel Salz man verwenden möchte, zu welchem Zeitpunkt wie viel Salz zugefügt werden soll – welches die stimmige Dosis ist. Man ist ins Risiko gegangen. Da stellt sich mir nicht die Frage nach dem «wer hat gesalzen», sondern die Frage nach dem Kochrezept – dem Entscheidungsprozess.
Was gilt es künftig zu optimieren, damit ein nächstes Gericht eine balanciertere Dosis Salz erhält. Die Frage: wer ist schuld am Resultat der zu stark gesalzenen Suppe, nachdem gemeinsam ein Entscheidungsrezept kreiert wurde, ist fehl am Platz. Hören wir also auf, einzelne Personen am Resultat einer Entscheidung aufzuhängen. Fragen wir nach dem Entscheidungsprozess. Wie ist der Entscheid zustande gekommen – dafür braucht es Verantwortung.
Quelle: Delius/Strobel, Zusammen Entscheiden, Heidelberg 2024
5. Der Moment in der Grossküche
Stellen Sie sich vor, Sie müssten plötzlich für Hunderte von Personen kochen. Ohne Erfahrung in einer Grosssküche. Was tun Sie? Salzen Sie das Spaghetti Wasser mit dem Teelöffel? Vermutlich nicht. Haben Sie Respekt vor der Aufgabe? Vermutlich ja. Risiko fühlt sich oft gross an, obwohl es nur ungewohnt ist.
Nicht gefährlich.
Nur ungewohnt.
Genau deshalb lohnt sich Unterstützung:
- Expertise, die mit Ihnen durch den Entscheidungsprozess geht
- Den Blick von Aussen bringt, wenn Rollen ungeklärt sind
- Routinen, die Mut schulen
- Reflexion, die Angst entdramatisiert
- Klarheit, die Realität sichtbar macht
6. Mein Impuls an Sie: Salzen Sie. Heute. Bewusst. Mutig
Welche Entscheidung lassen Sie gerade verkochen?
Welche Chance steht unangerührt am Rand Ihres Herdes?
Welches Ja traut sich noch nicht aus der Deckung, obwohl es längst bereit ist?
Sagen Sie es sich.
Salzen Sie. Schmeckt es? Gut! Zu salzig? Die Suppe löffeln wir gemeinsam aus und feilen am Rezept.
Risiko ist nicht das Problem.
Aber das Nicht-Entscheiden könnte eins werden.
Welches Ja trauen Sie sich heute zu?

